Vor 25 Jahren – Gründung der Hannöverschen AIDS-Hilfe e.V.
1981 traten zunächst in den USA, 1982 aber auch erstmals in Deutschland bei schwulen Männern vermehrt eine ungewöhnliche Form einer Lungenentzündung, sowie eine seltene Form von Hautkrebs, das Kaposi-Sarkom, auf. Diese Phänomene waren offenbar, wie man bald richtig vermutete, auf eine erworbene Immunschwäche zurück zu führen. So nannte man diese Erkrankung zunächst Gay People's Immuno Defiency Syndrome (GIDS). Auch in den deutschen Medien, allen voran dem Spiegel, wurde bald darauf ausführlich über diese neue Schwulenseuche berichtet, ohne dass letztendlich Klarheit über die genauen Ursachen der Erkrankung bestand. Man vermutete zwar bereits 1983, dass sie auf einen übertragbaren Erreger zurück zu führen sei, HIV als tatsächlicher Verursacher wurde jedoch erst im März 1985 sicher nachgewiesen.
Im Hannoveraner Lesben- und Schwulenzentrum HOME e.V. wurden diese Berichte ebenfalls mit Besorgnis gelesen. Zwar waren in Hannover noch keine konkreten Fälle von AIDS bekannt geworden, trotzdem trieb auch hier die Schwulen die Angst vor der Krankheit, vor allem aber auch vor staatlichen Repressalien um. Denn schon wurden seitens konservativer Parteien Forderungen laut, die Betroffenen zu kasernieren und die Schwule Subkultur als vermeintliche Keimzelle zu unterbinden.
So wurden 1984 im Gruppenraum des HOME-Zentrums Diskussionsabende einberufen, um die wenigen erhältlichen Informationen auszutauschen und um eine gemeinsame politische Richtung zu finden. Aus diesen Treffen entstand die Idee, nach dem Vorbild der Deutschen AIDS-Hilfe e.V. in Berlin, die sich ein Jahr zuvor gegründet hatte, eine AIDS-Hilfe in Hannover zu gründen. Nach Berlin, München und Hamburg war dies deutschlandweit die vierte AIDS-Hilfe.
Ziel war bereits damals, seriöse Informationen zu AIDS zusammen zu tragen und weiter zu geben, also Aufklärungsarbeit zu leisten. Die ersten Flugblätter wurden mit Schreibmaschinen getippt und an verkaufsoffenen Samstagen mit Infoständen am Kröpcke verteilt. Neben viel Ablehnung gab es durchaus auch viel Interesse und Solidarität, so versorgte beispielsweise der damalige Geschäftsführer des Café Kröpcke die Aktivisten mit frischem Kaffee.
Niedersachsen wurde damals von der CDU mit dem Ministerpräsidenten Albrecht regiert. Schon früh trat der frisch gegründete Verein an die Landesregierung heran, um sich als kompetenter Ansprechpartner für die schwule Subkultur zur Verfügung zu stellen, aber auch um Gelder für die notwendige Aufklärungsarbeit einzufordern. Seitens des Landes Niedersachsen wurde dieses Angebot angenommen, hatte man doch keinerlei Vorstellungen, wie die schwule Subkultur in Hannover und Niedersachsen aussähe, geschweige denn, wie man dort aufklärend und präventiv tätig werden sollte.
So erhielt die Hannöversche AIDS-Hilfe von Niedersächsischen Sozialministerium schon bald einen ersten Betrag von einigen tausend Mark. Dieser wurde vornehmlich für die Erstellung von Flugblättern, aber auch für ein bald eingerichtetes Beratungstelefon ausgegeben, das im Wintergarten des damaligen 1 Vorsitzenden, Werner Noelle, betrieben wurde. Landesweit wurde man ebenfalls tätig, indem in einigen größeren Städten Niedersachsens Aktivisten gesucht wurden, die man bei der Gründung weiterer AIDS-Hilfen in ihrer Stadt unterstützte. So entstanden bald darauf die AIDS-Hilfen Oldenburg, Wilhelmshaven, Celle und Lüneburg. Insgesamt bemühte sich die Hannöversche AIDS-Hilfe, ihre Lobbyarbeit weiter aus zu bauen. Neue ehrenamtliche Mitarbeiter kamen hinzu. So stieg der jetzige 1. Vorsitzenden der Hannöverschen AIDS-Hilfe e.V., Bernd Weste, anfangs in die Beratergruppe ein, übernahm dann aber auch bald Vorstandsverantwortung. Er trägt seitdem den Verein maßgeblich mit.
1985 tauchte dann auch in Hannover der erste Fall von AIDS auf. Billa Müller (so ihr selbst gewähltes Pseudonym) war heterosexuell (!) und hatte sich vermutlich über ihren drogenkonsumierenden Freund mit HIV infiziert. Sie hatte über die Medien von der Hannöverschen AIDS-Hilfe e.V. erfahren und trat mit der Bitte um Unterstützung an die durchweg schwulen AIDS-Hilfe-Gründer heran. Deren Hilfe hatte sie dringend nötig. Aufgrund der wenigen erhältlichen seriösen Informationen, vielen Falschmeldungen und der deswegen weit verbreiteten Angst traf sie auf viel Ablehnung, Ärzte wollten sie nicht behandeln, Pflegepersonal wollte sie - wenn überhaupt - nur unter massiven Schutzmaßnahmen anfassen, Freunde und die Familie gingen auf Abstand. Billa Müller setzte sich – obwohl sie bereits durch AIDS stark geschwächt war - mit Unterstützung von Mitgliedern der Hannöverschen AIDS-Hilfe e.V. offensiv mit ihrer Erkrankung auseinander. Sie bekannte sich öffentlich in Talkshows und im Radio zu ihrer Infektion und wurde so zu einem Symbol dafür, dass die vermeintliche Schwulenseuche AIDS vor niemandem Halt macht.
Jürgen Maaß
Hannöversche AIDS-Hilfe e.V.










